{"id":52,"date":"2017-06-14T16:51:11","date_gmt":"2017-06-14T14:51:11","guid":{"rendered":"http:\/\/jazztext.de\/?p=52"},"modified":"2021-04-06T11:04:34","modified_gmt":"2021-04-06T09:04:34","slug":"fanatiker-sind-puristen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/jazztext.de\/?p=52","title":{"rendered":"Fanatiker sind Puristen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/jazztext.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kaiser-Goodman.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-53\" src=\"http:\/\/jazztext.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kaiser-Goodman-580x773.jpg\" alt=\"\" width=\"580\" height=\"773\" srcset=\"http:\/\/jazztext.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kaiser-Goodman-580x773.jpg 580w, http:\/\/jazztext.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kaiser-Goodman-768x1024.jpg 768w, http:\/\/jazztext.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kaiser-Goodman-940x1253.jpg 940w\" sizes=\"(max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Joachim Kaiser und seine Benny Goodman-Kritik von 1959<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war eine der traurigen Nachrichten im Mai: Joachim Kaiser ist gestorben. Ja, der Musikkritiker. Der Prototyp: seine Autorit\u00e4t beruhte auf seiner immensen Bildung, dazu kam seine tiefe Liebe zu allem, was man so &#8222;Kultur&#8220; nennt &#8211; also Theater, Oper, Musik. Letztere war meist in ihrer &#8222;klassischen&#8220; Auspr\u00e4gung Thema f\u00fcr ihn &#8211; aber neben seinem Nachruf ver\u00f6ffentlichte die S\u00fcddeutsche (deren Feuilleton-Chef er lange war) seine Kritik von einem Benny Goodman-Konzert im Deutschen Museum in M\u00fcnchen 1959.<\/p>\n<p>Sein Text beginnt zeitlos: &#8222;Jazzfans k\u00f6nnen demjenigen, der keiner ist, schon Angst einjagen. Aber nicht etwa, weil man um das Mobiliar bangt, das bei solchen Veranstaltungen erfahrungsgem\u00e4\u00df einer gewissen Gef\u00e4hrdung unterworfen ist. [&#8230;] Einsch\u00fcchternd wirkt vielmehr die Kennerschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Ja, den fachidiotischen Fanatismus von Jazzfans hatte damals auch Adorno schon erw\u00e4hnt: als Beleg daf\u00fcr, dass es in diesem Segment der Unterhaltungsindustrie wohl doch nicht um Freiheit, Kommunikation oder eine bessere Welt gehen k\u00f6nne. Alles bekannt und schon gehabt also (obwohl: ist es heute so viel anders)?<\/p>\n<p>Kaiser schreibt weiter, 1959: &#8222;Fanatiker sind Puristen. darum war ich nicht \u00fcberrascht, als ein kenntnisreicher Fan mich wissen lie\u00df, da\u00df \u00fcber unpassende Be-Bop-Phrasen, die beispielsweise in Dixieland-Ensembles st\u00f6rend auftauchten, schon Jazz-Lebensfreundschaften zerbrochen seien&#8220;.<\/p>\n<p>Ok. jaja. Aber jetzt kommt der interessante Satz: <strong>&#8222;Benny Goodman kennt solche Skrupel anscheinend nicht.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Dann erkl\u00e4rt Kaiser einserseits, wie altbacken die 32-tel aus der Swingklarinette des Meisters Goodman perlen, andererseits aber auch der WestCoast-Pianist Russ Freeman dabei ist, der &#8222;durchaus moderne T\u00f6ne ins Ensemble bringt&#8220;.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst schon 1959 die Jazz-Fanatiker, die eben quasi noch in der Warteschlange interviewt wurden, schlecht aussehen: &#8222;Schaut mal, selbst Benny Goodman spielt mit den Modernen zusammen!&#8220;<\/p>\n<p>Ganz so schlimm \u00a0scheint es aber auch 1959 schon nicht gewesen zu sein, die Fans &#8211; vulgo: Fanatiker &#8211; trugen den Stilmix offenbar mit Fassung: &#8222;Die M\u00fcnchner Zuh\u00f6rer waren auffallend brav. es wurde nie protestiert, sondern immer zuvorkommend geklatscht, gelungene Soli erhielten Beifall, zu Exzessen irgendwelcher Art kam es nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Ende des Berichtes, der Kritik. Gut erkennen kann man hier Joachim Kaisers eigene Kunst als Schreiber: er greift ein bekanntes Vorurteil zum Jazz (und seinem Publikum) auf &#8211; den fanatischen Purismus &#8211; und stellt das mit starken Bildern dar (Dixie, Bebop, Freundschaften zerbrechen).<\/p>\n<p>Als Leser ist man gleich dabei, bildet sich seine eigene Meinung \u00fcber diese Fanatiker. Dann: Goodman, der eigentlich was f\u00fcr die Puristen sein m\u00fcsste, er ist schlie\u00dflich die Galionsfigur des Swing! Er darf aber auch cooler sein als (vermeintlich) sein Publikum.<\/p>\n<p>Und am Ende stellt sich raus: die Aufreger-Kulisse vom Anfang des Textes geht nicht auf. Die Fans protestieren gar nicht. Sondern klatschen brav. 1959 ist also schon die Luft raus ?<\/p>\n<p>Naja: 1938 spielte Benny Goodman mit seinem Orchestra in der Carnegie Hall (das Jubil\u00e4um steht bevor!) &#8211; 1959 in M\u00fcnchen war also zumindest sein Jazz kein Subkultureller Hit mehr &#8211; sondern schon jahrzehntelang anerkannte Kunst\/Unterhaltungsmusik. Der Jazz-Mainstream damals: Cool Jazz, mit seiner Renaissance franz\u00f6sisch-impressionistischer Harmonik. So pastell, dass Ornette Colemans Kollektivimprovisation im folgenden Jahr unter dem legend\u00e4ren Titel &#8222;Free Jazz&#8220; verkauft wird!<\/p>\n<p>Ich wage zu behaupten: die Besucher des Goodman-Konzertes 1959 waren eben schon in den sp\u00e4teren Jahrzehnten ihrer jeweiligen Fan-Laufbahnen angelangt. Und konnten wohl auch die Tickets bezahlen.<\/p>\n<p>Die Jazzfans aber, die (noch) f\u00fcr was brannten &#8211; die waren in anderen Konzerten zu finden. Und ich f\u00fcrchte, die waren auch derbe puristisch drauf.<\/p>\n<p>however &#8211; das schm\u00e4lert keineswegs den Spa\u00df beim Lesen von Joachim Kaisers Text. Es ist schade, dass er keinen mehr schreiben wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/langjaehriger-feuilletonchef-sz-kritiker-joachim-kaiser-ist-tot-1.3498616\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Nachruf in der S\u00fcddeutschen Zeitung<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Kaiser und seine Benny Goodman-Kritik von 1959 &nbsp; Es war eine der traurigen Nachrichten im Mai: Joachim Kaiser ist gestorben. Ja, der Musikkritiker. Der Prototyp: seine Autorit\u00e4t beruhte auf seiner immensen Bildung, dazu kam seine tiefe Liebe zu allem, was man so &#8222;Kultur&#8220; nennt &#8211; also Theater, Oper, Musik. 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