Was die Mühe lohnt – Jazzfest Berlin 2016

„Als Hörer muss man sich genauso auf ein Konzert vorbereiten, wie die Musiker“ sagt Wadada Leo Smith. Und er meint damit, das es notwendig ist, sich mental zu Öffnen, Interesse und Aufmerksamkeit zu haben, wenn man vorhat, improvisierte Musik zu hören.

Vielleicht war ich nicht richtig darauf Vorbereitet,

(c) Camilla Blake

(c) Berliner Festspiele / Camilla Blake

den Auftritt von Jack DeJohnettte mit Ravi Coltrane und Matt Garrison beim Jazzfest Berlin zu verstehen und/oder zu genießen. Immerhin hatte nur 20 Minuten zuvor noch die HR-Bigband auf der Bühne gestanden – zusammmen mit Nik Bärtsch´s „Ronin“ – und die „Ritual Groove Music“ des Schweizers zelebriert, die eingebettet in wunderbar dichte Bläserteppiche etwas von ihrer kantigen Askese verlor, aber eben im Orchester-Format einfach überwältigend wirkte – noch lange nach dem letzten Schlussakkord.

Und dann kam eben Jack DeJohnette auf die Bühne: lebende Legende, ein großer schlanker Mann mitte siebzig – und mit ihm Ravi Coltrane und Matt Garrison, mit deren Vätern er schon vor einem halben Jahrhundert in die Jazzgeschichte eingegangen war. Ein Steinway stand bereit für DeJohnette, der zwar als Schlagzeuger bekannt ist, aber gerade ein Solo-Piano-Album veröffentlicht hat (https://youtu.be/xWXdAcA_aEo) und so intonierte er ein paar komplexe Kadenzen, eher Klangwolken, zu denen Coltrane (am Saxofon) und Garrison (Bass, elektrisch, 6-Saiter) eigene Beiträge formulierten. Das Saxofon: klar und aufgeräumt – Ravi Coltrane ist, wie sein Vater, kein zögerlicher Spieler. Garrison dagegen blieb mit seinem 6-saiter E-Bass und den angeschlossenen Effektgeräten in einem Klanguniversum, das ich eigentlich seit den 80-er Jahren für verwaist gehalten hatte. Leider ohne für mich erkennbaren musikalischen Nährwert.

Nach ein paar Minuten wechselte Jack DeJohnette doch ans Schlagzeug. Aber zunächst drehten seine Achtelpatterns auf dem Hihat noch nicht rund, allzu schlichte Figuren wollten nicht so recht dazu passen, dass hier ein legendärer Schlagzeuger das Lead-Instrument spielt. Hätte ich nicht im vollbesetzten Saal eines der wichtigsten Festivals in Deutschland gesessen: ich wäre vermutlich gegangen, hätte die drei bei ihrer On Stage-Probe nicht stören wollen.

Und ich hätte das Wichtigste verpasst: denn die drei, die sich da ohne vorbereitete Parade-Stücke auf die Bühne gestellt hatten – die fanden tatsächlich zusammen, verdichteten ihr Spiel. Schließlich entwarfen sie eine Version von „Alabama“ – einer „Black Lives Matter“-Klage, die eben John Coltrane 1963 bei einem TV-Konzert live in Screen gespielt hatte, als Reaktion auf ein KKK-Bombenattentat auf eine Kirche in Birmingham/Alabama.

Und als sie gar die Riffs aus „Serpentine Fire“ (von Earth,Wind & Fire !) aufgriffen, war klar: dieese Musiker wissen eben doch, was sie tun. Und sie tun es sehr bestimmt. Wer sonst würde eines der opulentesten Show-Pieces des Funk so reduziert im Trio in Angriff nehmen? Sicher wollten auch DeJohnette, Coltrane und Garrison nicht behaupten, sie hätten hier den neuesten Disco-tauglichen Remix geliefert: und doch hatte ihr Zitat alles, was „Black Music“ meint, die ganze Wucht von Jazz und Funk.

Und dass dazu eben eine halbe Konzertstunde „Suche“ notwendig war, erwies sich als Lehrstunde: „kommt mit, liebe Hörerinnen und Hörer, es muss nicht immer alles vorgefertigt sein. Das Konsum-Format ist gar nicht das wirklich Wichtige auf der Welt. Wir Menschen sind wichtig, wenn wir etwas gemeinsam tun“

Das mag sich hier wie eine Binsenweisheit lesen: aber manchmal muss man daran erinnert werden. Und wenn ein Trio bei einem Jazzfestival das kann: dann war es doch den Aufwand wert!

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