Der düstere Finne

Musik zu Kaurismäki-Filmen: Endlich spielt Kalle Kalima wieder einmal in Berlin

Dieser Text erschien auch am 27.05.2017 im Berliner Tagesspiegel

 

„Bisher war das Wetter nicht gut genug. Ich hab schon überlegt, ob ich weiter nach Süden ziehen muss“ sagt Kalle Kalima und lacht. Er sitzt in der Sonne vor seinem Proberaum in Pankow und spielt die Alternativen durch: „Ich würde nach Barcelona gehen. Aber am liebsten würde ich ein großes Segelboot kaufen und auf dem Mittelmeer von Stadt zu Stadt segeln: immer dahin, wo das Wetter wirklich gut ist“.

Aber bis es soweit kommt, ist er in Berlin ganz gerne zuhause. Immerhin lebt er schon fast zwanzig Jahre hier, in einem Häuschen in Pankow mit Garten für die Kinder. Fast ebenso lange wird er zu den Aushängeschildern der Berline Jazzszene gezählt. Auch, wenn er meist international unterwegs ist. „Die nächsten Konzerte werden in Wien, Zürich, Frankfurt und Passau sein, in Polen und dann in Mexiko“ freut er sich.

Vorher tritt er endlich wieder einmal in Berlin auf: beim JazzDor Strasbourg-Berlin Festival spielt er am Mittwochabend mit seinem Trio Klima Kalima und dem französischen Posaunisten Yves Robert als Gast. Das französische Festival unterhält seit zehn Jahren eine Dependance in der deutschen Hauptstadt und bringt hier immer wieder internationale Projekte auf die Bühne. Yves Robert etwa wurde einst mit dem ARFI-Kollektiv  bekannt, der „Association à la Recherche d’un Folklore Imaginaire“.

Im Konzert mit Kalima geht es jetzt um eine imaginäre Filmmusik: „Finn Noir“ handelt von lakonischen Kaurismäki-Klassikern wie „Ariel“ oder „Das Leben der Boheme“ oder von Inspector Palmu, einem finnischen Fernsehkommissar aus den 50er Jahren. „Früher haben Jazzmusiker auf der Basis von bekannten Broadway-Nummern gespielt. Da gab es etwas, was die Leute schon kannten. Wenn sie schon Bilder im Kopf haben, kann sich ein Dialog ergeben“, erklärt Kalima. Aber er hält sich nicht damit auf, die Erkennungsmelodien der Filme nachzuspielen: es sind seine eigenen Eindrücke und Assoziationen, die er hier mitteilen will.

Dass er dazu heute als Musiker auch die Gelegenheit hat, ist ein großes Glück. Zwar überredete ihn schon ein Schulfreund mit Beatles und Pink Floyd-Cassetten dazu, eine Band zu gründen und Gitarre zu lernen, aber nach dem Abitur begann er trotzdem erstmal ein Jura-Studium. Und wäre auch bestimmt ein guter Anwalt geworden: noch heute wählt er seine Worte genau und pointensicher. Doch schließlich bewarb er sich doch an der Sibelius-Akademie und bekam einen der fünf Plätze im Jazzstudiengang. „Und das war auch der Beginn der ernsthaften Arbeit“ stellt er heute fest. Nach ein paar Semestern in Helsinki gab es ein Angebot zu einem europaweiten Austausch im Rahmen des Erasmus-Programms und so kam Kalle Kalima im Herbst 1998 endlich in Berlin an: „Schon deshalb bin ich ein großer Fan der Europäischen Union“.

Seine erste Berliner Adresse war ein Studentenwohnheim am Mendelssohn-Bartholdy-Park. „Das war praktisch ein Zimmer mit integrierter Kochplatte“ erinnert er sich. „Einmal im Monat kam der Kammerjäger und Nachts stand ab und zu die Polizei im Hof und suchte jemanden“. Aber dann suchte er sich selbst eine WG im Prenzlauer Berg und „Dann wurde es viel besser“. Schon bald war er an der Hochschule für Musik Hanns Eisler eingeschrieben und bekam die ersten Unterrichtsstunden bei John Schröder. „Der ist ein fantastischer Musiker! Sein Unterricht bestand eher darin, dass wir zusammen spielten und kommunizierten. Da hab ich viel mitbekommen. Es war auch witzig: er hatte einen Verstärker – aber der hatte nur einen Eingang! Also haben wir beide mit E-Gitarren gespielt, aber unplugged, ganz leise. Aber er spielt ja auch Schlagzeug und lud noch Daniel Erdmann dazu ein, der Saxofon spielt. Und bald hatten wir eine Band zusammen: „Momentum Impacto“. Das war meine erste Band in Berlin, das war toll. Wir haben auch zwei Alben aufgenommen“.

Schnell kamen weitere Bands dazu: „Baby Bonk“ etwa, über deren verspielten Stilmix schon 2005 im Programmheft des Jazzfests Berlin 2005 zu lesen war, nach dem Konzert müsse man sich, oder zumindest seine Plattensammlung wieder neu sortieren (und die am 29. Juli nach längerer Pause wieder einmal zu hören sind:  bei „Jazz am Kaisersteg“ in Oberschöneweide), und „Johnny La Marama“ (als das andere Trio neben „Klima Kalima“), auf seiner Website führt Kalima noch zehn weitere Projekte auf: darunter das finnische Quartett K-18 (was „FSK 18“ entspricht und schon CDs zu den Regisseuren Kubrick, Bunuel und Lynch veröffentlichte) und die „Tenors of Kalma“ mit dem Multi-Instrumentalisten Jimi Tenor, mit dem Kalle Kalima im vergangenen Jahr auch für den Echo Jazz nominiert war.

Und dann sind da noch zwei Handvoll bemerkenswerte Projekte. „Ich habe ziemlich viele Bands“ räumt der Gitarrist ein. „Es ist eine Art darwinistisches System: was nicht wirklich funktioniert, verschwindet auch im Lauf der Zeit“. Ab dem Herbst wird er das Zeitmanagement neu überdenken müssen, dann unterrichtet er monatlich an vier Tagen an der Musikhochschule in Luzern. Er freut sich darauf, mit den Studenten zu arbeiten. „Ich hatte selbst viele gute Lehrer, in Helsinki und hier in Berlin. Ich hab Lust, die Information und Inspiration weiter zu geben, die nächste Generation zu beeinflussen, dass die ihr Potenzial finden“. Zuhause, ganz privat, macht er genau das: seine Kinder sind 10 und 13 Jahre alt. Pankow ist ein guter Ort für seine Familie, findet er: „Berlin ist eine große Stadt und es gibt ganz unterschiedliche Ecken. Hier funktioniert es ganz gut. Pankow ist fast wie ein Dorf, die Schulen sind gut und es gibt drei große Parks. Trotzdem kommt man schnell ins Zentrum. Der öffentliche Verkehr in Berlin ist fantastisch. Ich treffe ja ab und zu Leute aus den USA. Und es gibt einfach Orte, in denen es das alle nicht gibt: keinen ÖPNV – und auch keine Kitas“.

Trotz der manchmal etwas dunklen Winter bleibt er also wohl noch ein paar Jahre Berliner, mit seinem charmantem finnischem Akzent, als säße man in einem Kaurismäki-Film. Stört es ihn eigentlich, dass er oft mit solchen Klischee-Vorstellungen verwechselt wird? „Manchmal schon, aber andererseits profitiere ich auch davon, dass Viele ein positives Bild von Finnland haben oder Finnen zumindest lustig finden oder merkwürdig. Wenn ich aus Laos käme, oder aus Belize, wäre es sicher nicht so einfach“.

Nur eins kann er wirklich nicht verstehen: dass eine FDP-Initiative jetzt den Flughafen Tegel offen halten will. „Es ist natürlich ein spezieller Ort, man kann direkt zum Gate fahren und es war immer schon da für die Westberliner. Aber das Leben geht weiter! Dieser Flughafen stört das Leben von 300.000 Menschen. Die Flugzeuge fliegen direkt über mein Haus! Die Pankower warten schon Jahrzehnte, dass es aufhört mit diesem Lärm. Nun lasst mal gut sein. Bitte“.

 

Klima Kalima „Finn Noir“ feat. Yves Robert  – 31.05.2017

Im Rahmen des Festivals  JazzD´or Strasbourg-Berlin 30.05.-2.06.2017 jeweils 20 Uhr
Kesselhaus Kulturbrauerei, Knaakstraße,

http://www.jazzdor-strasbourg-berlin.eu/

 

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1 comment

  1. […] Kalle Kalima durfte ich vor kurzem ein Portrait für den Tagesspiegel verfassen, meinen Text verlinke ich […]

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